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ERC Grants: Sieben Forschungsprojekte der LMU ausgezeichnet

03.09.2026

Sieben Nachwuchsforschende haben je einen Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) für ihre Projekte mit der LMU eingeworben.

Der Psychologe Jonas Dora, die Sprachwissenschaftlerin Mireia Marimon Tarter, der Wirtschaftswissenschaftler Arthur Seibold, die Kommunikationswissenschaftlerinnen Ruth Wendt und Sophia Volk sowie die Mediziner Kami Alexander Pekayvaz und Steffen Tiedt erhalten für ihre neuen Forschungsprojekte an der LMU jeweils einen Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC). Die Förderung beträgt jeweils etwa 1,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren. Der ERC vergibt Starting Grants anhand der wissenschaftlichen Exzellenz der Antragstellerinnen und Antragsteller sowie des beantragten Projekts. Sie zählen zu den angesehensten Forschungsförderungen in Europa.

Professor Matthias Tschöp, Universitätspräsident der LMU: „Sieben ERC Starting Grants, fünf davon in den Geistes- und Sozialwissenschaften! Das ist ein großartiger Erfolg und Ausdruck der besonderen Stärke und fachlichen Breite der LMU, denn diese Grants stehen für wissenschaftliche Exzellenz, Kreativität und den Mut, neue Wege zu gehen. Ich gratuliere allen sieben Geförderten sehr herzlich! Ihr Erfolg bestärkt uns darin, an der LMU ein Umfeld zu schaffen, in dem herausragende Forschende ihre Ideen entfalten und damit Wissenschaft und Gesellschaft voranbringen können.“

Die vom ERC geförderten Projekte im Einzelnen

Mireia Marimon Tarter

Mireia Marimon Tarter | © privat

Innere Sprache von Säuglingen

Dr. Mireia Marimon Tarter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der LMU, sie erforscht die frühe Sprachentwicklung und den Spracherwerb von Säuglingen.

Säuglinge sprechen im ersten Lebensjahr nur wenige Wörter, erkennen aber bereits viele vertraute Begriffe. Mit ihrem ERC-Starting-Grant-Projekt BASIS (Babies’ Silent Speech) geht Mireia Marimon Tarter einer bislang unbeantworteten Frage nach: Entstehen die ersten Wörter bereits „im Stillen“, bevor Säuglinge sie aussprechen können?

Marimon untersucht, ob Kinder zwischen sechs und 24 Monaten über eine Form innerer Sprache verfügen. Im Rahmen von BASIS erforscht sie dabei sowohl die artikulatorische Bereitschaft zum Sprechen wie auch die stille Produktion vertrauter Wörter und die innere Verarbeitung mehrgliedriger sprachlicher Äußerungen.

Mithilfe einer neuartigen Methode, die die Synchronität von Gehirnaktivität und des akustischen Sprachsignals über Pupillenreaktionen erfasst, soll innere Sprache erstmals bei Säuglingen messbar werden. „Die Ergebnisse könnten neue Einblicke in die frühesten Stadien des Spracherwerbs liefern und grundlegende Theorien zur Entwicklung von Sprache und menschlicher Kognition erweitern“, sagt Mireia Marimon Tarter.

Jonas Dora

Jonas Dora | © privat

Mechanismen des Alkoholkonsums

Dr. Jonas Dora ist derzeit als Assistant Professsor an der University of Washington in Seattle tätig. Der Psychologe, der sich mit Entscheidungsprozessen und Suchterkrankungen befasst, wird 2027 an die Fakultät für Psychologie der LMU wechseln.

Mit seinem ERC-Starting-Grant-Projekt CODED (Cross-Context Computational Models of Emotional Decision-Making in Alcohol Use) wird Jonas Dora ein zentrales Rätsel der Suchtforschung untersuchen. Als Erklärung für häufigen Alkoholkonsum gilt seit Jahrzehnten die Annahme, Menschen würden Alkohol trinken, um mit negativen Gefühlen oder Stress umzugehen.

Doch die Forschung liefert widersprüchliche Befunde: Während Laborstudien zeigen, dass Stress und negative Emotionen den Alkoholkonsum steigern können, trinken Menschen im Alltag ausgerechnet an besonders belastenden Tagen oft weniger. Im Projekt CODED will Dora untersuchen, wie sich dieser Widerspruch erklären lässt.

Dafür kombiniert der Psychologe Experimente und Untersuchungen im Alltag mit computergestützten Modellen der Entscheidungsfindung. So soll nicht nur vorhergesagt werden, ob Menschen Alkohol trinken, sondern auch, wie sie diese Entscheidung treffen – etwa welche Informationen sie berücksichtigen, welche unbewussten Verzerrungen eine Rolle spielen und wann eine Entscheidung tatsächlich fällt.

Mit seiner Forschung möchte Dora Mechanismen identifizieren, über die Emotionen Alkoholentscheidungen beeinflussen, und eine einheitliche mathematische Theorie entwickeln, die die Diskrepanz zwischen Labor- und Alltagsbefunden erklärt. „Die Aufklärung dieses Rätsels hat erhebliche Auswirkungen auf unser Verständnis der Entstehung von Sucht. Langfristig könnte das Projekt den Weg für präzisere, individuell zugeschnittene Ansätze bei der Prävention und Behandlung von Alkoholabhängigkeit ebnen“, sagt Jonas Dora.

Sophia Volk

Sophia Volk | © privat

Wenn Unternehmen Wissenschaft kommunizieren

Sophia Volk ist Professorin für Kommunikationswissenschaft an der LMU und sitzt im wissenschaftlichen Beirat der Akademischen Gesellschaft für Unternehmensführung & Kommunikation (AGUK).

Unternehmen, die sehr viel in Forschung und Entwicklung investieren – zum Beispiel in der Pharma-, Automobil- oder Tech-Branche –, spielen eine immer größere Rolle in der Wissenschaftskommunikation. Eine solche Wissenschaftskommunikation von Unternehmen kann das öffentliche Interesse an Wissenschaft und Innovation fördern, doch kommerzielle Interessen können auch dazu führen, dass Firmen damit „Sciencewashing“ betreiben – also wissenschaftliche Erkenntnisse zu ihren Gunsten verzerrt darstellen oder übertreiben. Das kann zu einer zunehmenden Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Industrie führen, die sich wiederum auf das Vertrauen in die Wissenschaft im Allgemeinen auswirkt.

Sophia Volks neues ERC-Projekt COSCOM (Corporate Science Communication: Risks, Opportunities, Interventions) will Wissenschaftskommunikation von Firmen systematisch erfassen, um herauszufinden, wann sie das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft stärkt und wann sie sie untergräbt. Sie untersucht außerdem, welche Maßnahmen Risiken mindern und Vorteile nutzen können, um daraus wirksame Instrumente und Leitlinien für die entsprechenden Akteure abzuleiten.

„COSCOM soll Kommunikationsverantwortlichen, Journalistinnen und Journalisten und Verantwortlichen in Politik und Verwaltung sowie der Öffentlichkeit Evidenz liefern, um schädliche Auswirkungen von Wissenschaftskommunikation von Unternehmen zu reduzieren und verantwortungsvolle Praktiken zu fördern“, sagt Volk.

Kami Alexander Pekayvaz

Kami Alexander Pekayvaz | © LMU Klinikum

Immunzellen gegen Thrombose

Dr. Kami Alexander Pekayvaz ist Clinician Scientist und Arbeitsgruppenleiter an der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des LMU Klinikums.

Thrombosen gehören weltweit zu den häufigsten Ursachen für schwere Beeinträchtigungen und Todesfälle. Bei ihrer Entstehung spielen auch entzündliche Prozesse eine zentrale Rolle: Bei der sogenannten Thromboinflammation verstärken sich entzündungsfördernde Neutrophile Granulozyten – eine wichtige Gruppe von Immunzellen – und das Gerinnungssystem gegenseitig und können Blutgefäße thrombotisch verschließen.

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen hat Pekayvaz eine weitere überraschende Funktion der Neutrophilen entdeckt: Sie sind nicht nur an der Entstehung von Thrombosen beteiligt, sondern können auch in bestehende Thromben einwandern und deren Abbau fördern. Diese sogenannte „Immunthrombolyse“ stellt grundlegende Annahmen der Gefäßbiologie infrage und eröffnet neue Ansätze für Therapien.

Pekayvaz will in seinem Projekt I-CLEAR (Immunothrombolysis: deCoding neutrophiL Engagement in Active thrombus Resolution) nun untersuchen, wie Neutrophile im Verlauf einer Thrombose ihre Rolle ändern und von der Förderung einer Thrombose zur Immunthrombolyse übergehen. Dabei sollen die zugrunde liegenden biologischen Mechanismen entschlüsselt und die biologischen Schalter identifiziert werden, die die Thrombolyse aktivieren. „Auf diese Weise könnten neue Wege eröffnet werden, Blutungsrisiken durch die lokale Aktivierung körpereigener thrombenauflösender Immunzellen zu reduzieren“, sagt Pekayvaz.

Ruth Wendt

Ruth Wendt | © Katharina Hayek

Kommunikation im digitalen Zeitalter: Im ständigen Austausch miteinander

Ruth Wendt ist Professorin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU mit dem Schwerpunkt „Digital Literacy in Algorithmic Spaces“.

Digitale Medien eröffnen heute die Möglichkeit, fortlaufend auf verschiedenen Wegen auch über Distanz hinweg miteinander zu kommunizieren. Dieser stakkatoartige Austausch aus Anrufen, Nachrichten und persönlichen Kontakten ermöglicht eine nahezu nahtlose Interaktion zwischen Kommunikationspartnern.

LMU-Wissenschaftlerin Ruth Wendt wird in ihrem ERC-Projekt DIGIREL (Adolescents’ Social Relationships and Well-Being in the Digital Age: Interstitial Communication Patterns and their Outcomes) untersuchen, wie Jugendliche digitale Medien für den Austausch in unterschiedlichen sozialen Beziehungen nutzen und welche Folgen diese scheinbar permanente Verbundenheit unter anderem für ihr Wohlbefinden hat.

„Mit den herkömmlichen theoretischen und methodischen Forschungsansätzen gelingt es nicht ausreichend, die komplexen und dynamischen Formen der Kommunikation zwischen Jugendlichen und deren Beziehungspartnern zu erfassen“, sagt Ruth Wendt. In ihrem Forschungsprojekt wird sie daher gezielt deren interpersonale Kommunikationsmuster und die in diesem Zusammenhang nötigen Kompetenzen untersuchen.

Mit ihrer Forschung möchte Ruth Wendt eine Antwort darauf geben, wie sich das Nebeneinander verschiedener digitaler und nicht-digitaler Kommunikationsformen auf die Beziehungen und das Wohlbefinden von Jugendlichen auswirkt.

Steffen Tiedt

Steffen Tiedt | © LMU Klinikum

Die Biologie des Schlaganfalls

PD Dr. Steffen Tiedt ist Wissenschaftler und Oberarzt am Institut für Schlaganfall- und Demenzforschung (ISD) des LMU Klinikums.

Bei einem akuten Schlaganfall gehen in kurzer Zeit Millionen von Nervenzellen verloren. Wirksame Behandlungen gibt es bislang kaum. Lediglich für eine Minderheit der Fälle ist eine Wiedereröffnung verschlossener Blutgefäße möglich. Ein wesentlicher Grund für das Fehlen von Behandlungsalternativen ist, dass die biologischen Prozesse beim Schlaganfall noch unzureichend verstanden sind.

Diese Lücke möchte Steffen Tiedt mit dem Projekt SURPASS (Super high-frequency multi-omics and ultrasensitive point-of-care testing towards a molecular classification of acute stroke) schließen. Dafür wird er Blutproben von Erkrankten in den kritischen ersten 48 Stunden nach einem Schlaganfall mit bislang unerreichter zeitlicher und molekularer Auflösung analysieren. Ziel ist es, Biomarker zu identifizieren, die den Verlauf der Hirnschädigung und die Erholung abbilden.

Durch die Verknüpfung der molekularen Daten mit Bildgebung und klinischen Merkmalen sollen unterschiedliche biologische Verlaufsformen des Schlaganfalls erkannt und eine molekulare Klassifikation der Erkrankung entwickelt werden. Die Ergebnisse sollen dann in klinischen Studien validiert und hochsensitive Tests für die Praxis entwickelt werden, um den Verlauf der Hirnschädigung kontinuierlich zu überwachen.

„Insgesamt kann SURPASS unser Verständnis des akuten Schlaganfalls verändern und eine präzisere Diagnose und Behandlung ermöglichen“, sagt Steffen Tiedt.

Prof. Dr. Arthur Seibold

Arthur Seibold | © LMU/Stephan Höck

Rentensystem gerecht reformieren

Arthur Seibold ist Professor für Finanzwissenschaft und Sozialpolitik an der Volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU.

Die Diskussion um Rentenreformen bestimmt nicht nur in Deutschland seit Jahren die Tagespolitik. In ganz Europa machen Zahlungen an Rentnerinnen und Rentner einen Großteil der staatlichen Ausgaben aus. Da die Gesellschaften zugleich altern und künftig die Zahl der Beitragszahler ins Rentensystem sinken wird, ist der politische Handlungsbedarf hoch.

Arthur Seibold wird in seinem ERC-Projekt mit dem Titel PENSIONREF (Pension Reforms for Aging Societies: Impact, Design, and Political Economy) die Grundlagen für effektive Rentenreformen erforschen. Dafür wird er administrative Daten analysieren, um kausale Zusammenhänge zwischen Reformen und ihren wirtschaftlichen Folgen aufzuzeigen, etwa ihren Auswirkungen auf Beschäftigung, Produktivität und Innovationen. Zudem wird er den Aspekt der Verteilungsgerechtigkeit untersuchen und auf Basis europaweiter Umfragen herausfinden, unter welchen Umständen Bevölkerungen Rentenreformen unterstützen.

Das Ziel von Arthur Seibold ist es, mit seiner Forschung im Rahmen des ERC-Projekts zur politischen Umsetzbarkeit von Rentenreformen beizutragen. „Rentenreformen sind ebenso notwendig wie unbeliebt. Mir ist wichtig zu zeigen, wovon es abhängt, ob sie in der Bevölkerung akzeptiert werden.“

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